----------------------------- Ciudad del Este -----------------------------

Man könnte meinen, man streife durch einen arabischen Basar. Ein Verkaufsstand
neben dem anderen, überall Händler, die ihre Ware an den Mann bringen
wollen. Ein Hauch von Orient umweht einen, wenn man durch die Straßen von
Ciudad del Este geht, der paraguayischen Grenzstadt im Dreiländereck zwischen
Paraguay, Brasilien und Argentinien. Bei so viel quirligem Treiben kaum vorstellbar,
dass hier, am Ufer des Paraná-Flusses, bis vor gut 50 Jahren nur Urwald
war.
Damals, es war die Zeit der Stroessner-Diktatur, verfolgte Paraguay das Ziel,
die Abhängigkeit von Argentinien in puncto Flusszugang und Export zu beenden.
Paraguay wollte nicht mehr von seinem südlichen Nachbarn erpressbar sein.
Der Handel mit Brasilien sollte ermöglicht werden. Am 3. Februar 1957 wurde
der Grundstein gelegt für die Stadt, die erst Puerto Flor de Lis, dann Puerto
Presidente Stroessner hieß. Erst seit dem Sturz des Diktators, der im Jahre
1989 übrigens am 3. Februar zur Abdankung gezwungen wurde, trägt sie
ihren heutigen Namen. In diesem Jahr konnte Cuidad del Este seinen 50. Geburtstag
feiern.
In den ersten Jahren siedelten sich nur wenige in der neuen Stadt an. Erst mit
dem Bau der „Brücke der Freundschaft“ (puente de la amistad) über
den Rio Paraná ins benachbarte brasilianische Foz do Iguacu nahm die Stadtentwicklung
allmählich Fahrt auf. Der große Sprung nach vorne erfolgte dann im
Zuge des Baus des brasilianisch-paraguayischen Wasserkraftwerkes in den 70er-Jahren,
als zahlreiche Arbeiter, Techniker, Ingenieure etc. aus aller Herren Länder
in die Region kamen. Hatte die Stadt 1972 noch knapp 7000 Einwohner, waren es
zehn Jahre später bereits über 49000. Das chaotische Wachstum der aufstrebenden „Boomtown“ setzte
sich auch in den folgenden Jahren fort. Derzeit wird die Einwohnerzahl der Hauptstadt
des Departamento Alto Parana auf 240000 (mit Umland 375000) geschätzt. Somit
ist Ciudad del Este die zweitgrößte Stadt in Paraguay. Noch heute
weist die Stadt eine hohe Ausländerquote auf. Es gibt viele aus Asien stammende
Bewohner, besonders Taiwanesen, Araber und Iraner, was sich auch durch Moscheen
und Pagoden im Stadtbild zeigt. Die Regierung von Taiwan finanzierte übrigens
auch den Bau des Rathauses von Ciudad del Este. Eine Geste des Dankes für
paraguayische Unterstützung in der UNO. Ein chinesischer Park mit einem
Denkmal von Tschiang Kai-Schek ist ein weiteres Zeugnis dieser Freundschaft,
die Paraguay mit dem Verzicht auf Beziehungen zur Volksrepublik China bezahlt.
Das Warenangebot in Cuidad del Este ist vielseitig. An den dicht an dicht
gedrängten Ständen, die sich fast bis zur Grenzstation an der „Freundschaftsbrücke“ erstrecken,
gibt es nahezu alles, was man sich denken kann: Elektrogeräte, DVDs, Kleidung,
Uhren, Spirituosen und Unmengen an Zigaretten. Pro Jahr strömen Hunderttausende
Käufer in dieses „Einkaufszentrum Südamerikas“. Gängigste
Währung ist der US-Dollar. Der Marktbetrieb beginnt zumeist in den frühen
Morgenstunden und flaut am Nachmittag dann zusehends ab. Es türmen sich
Berge von Verpackungsresten auf den Straßen. Abends wirkt die Stadt aber
wie ausgestorben.
Viele der Waren werden aus den Nachbarländern, vor allem aus Brasilien,
herübergeschmuggelt. Brasilianische Produkte können in Ciudad del Este
viel billiger angeboten werden, als jenseits der Grenze. Dem brasilianischen
Staat, dem auf diese Weise hohe Steuereinnahmen verloren gehen, ist dieses Treiben
seit Langem ein Dorn im Auge. Zwar ist es in den letzten Jahren gelungen, Schmuggel
und Kriminalität durch schärfere Kontrollen auf beiden Seiten der Grenze
etwas zurückzudrängen. Doch es werden immer wieder Wege gefunden, die
Gesetze zu umgehen. Beispielsweise durch die so genannten Sacoleiros, was auf
brasilianisch Sackträger heißt. Das sind Privatpersonen, die pro Tag
von ihrem Recht, einzelne Waren zollfrei zu überführen, mehrfach Gebrauch
machen. Die Situation ist also weiter gespannt. Vor diesem Hintergrund waren
in jüngster Zeit immer wieder Gerüchte in Umlauf, in Brasilien werde
der Bau einer Mauer zur Eindämmung des unkontrollierbaren Warentransfers
erwogen. Ciudad del Este wird das Image einer „Schmuggelstadt“ wohl
noch länger anhaften. Eine Zeit lang gab es Gerüchte, dass die Terrororganisation
Al-Qaida die Region um Ciudad del Este als Rückzugsgebiet nutze. Dies ließ sich
aber nicht erhärten.
An die Stadt grenzt die Gemeinde Minga Guazu an, was auf Guaraní soviel
wie große Gemeinschaft bedeutet. Diese wurde in den frühen 60er-Jahren
maßgeblich von dem Salesianer-Priester und Stroessner-Freund Guido Coronel
gegründet. Ihr erster Name war Colonia Presidente Stroessner. Es entstand
eine landwirtschaftliche Kooperative, der zeitweise mehr als 2500 Mitglieder
angehörten. Diese musste zwar in den 70er-Jahren Konkurs anmelden. Doch
auch heute noch ist die Gemeinde Minga Guazu, die sich auf einer Länge von
knapp 20 Kilometer an der Ruta VII entlang zieht, von der Landwirtschaft geprägt.
Multinationale Konzerne wie Cargill und ADN haben hier Niederlassungen. In Minga
Guazu befindet sich der Guaraní International Airport, hinter dem Silvio
Pettirossi-Airport von Asunción der zweite wichtige Flughafen des Landes.
Der Ortskern mit Verwaltungszentrum und Kirche liegt gut 16 Kilometer von Cuidad
del Este entfernt. Im Gegensatz zu Ciudad del Este geht es im großflächigen,
vergleichsweise dünn besiedelten Minga Guazu eher beschaulich zu.



