Aktualisiert am Montag, 12.5.08     Sie sind hier: / Dossiers & Kolumnen Werbung & Service

-------------------------   Dossiers & Kolumnen   -------------------------

Die letzten Stunden vor einer historischen Wende

25/04/08

Rudolf B. Behrens

Im letzten Teil seines Werkes „Der Herbst des Patriarchen“ beschreibt Garcia Marquez etwas, was man sehr gut auf den politischen Wechsel in Paraguay am 20. April 2008 münzen könnte.

Der Patriarch stirbt ganz plötzlich und unerwartet alleine in seinem Gemach. Nicht einmal seine Bediensteten erfahren davon, weil der Patriarch manch einen in seinem Wahn einfach zu erschießen pflegte.

Allmählich verbreitet sich jedoch das Gerücht in der Stadt. Keiner glaubt es. Zu lange hat er das Land mit eisernen Hand regiert, zu viele Jahre hat sich seine Herrschaft wie ein Mantel auf die Gemüter der Bewohner gelegt. Man wagt nicht ihn abzulegen. Langsam fangen vor allem Kinder an, ihre Köpfe aus den halboffenen Türen zu stecken. Neugierige Blicke kreuzen sich. Etwas ist passiert. Keiner kann es fassen.

Wie auch im Werk von Marquez kreuzten sich verstohlen fragende Blicke von Mitgliedern der APC (Alianza Patriótica para el Cambio) im Hauptquartier Fernando Lugos am Nachmittag des 20. April 2008, nachdem Stunde um Stunde die Wahlergebnisse aus den verschiedenen kleinen Radios ertönt waren, um die sich die einzelnen Arbeitsteams versammelt hatten. Keiner traute sich, einen eventuellen Sieg laut auszusprechen aus einer fast abergläubischen Angst heraus, diesen dadurch zu gefährden.

Aber dennoch wuchs die unabwendbare Gewissheit. Stunde um Stunde fielen die einst unbesiegbaren Bastionen der Colorados im Landesinneren: Itapua, Concepción, Amambay, usw.

Allmählich wuchs der Strom von Menschen, die aus den einzelnen Büros kamen und sich gegenseitig ermutigten. Manch einer riskierte sogar hier und da eine Umarmung und eine klammheimliche Träne.

Es lag etwas in der Luft, was nur schwer zu beschreiben ist.

Man war sich einig. Es bedurfte keiner Erklärung oder Worten, um festzustellen, dass man gemeinsam auf einer Uferseite stand.

Die Zeit verstrich viel zu langsam. Einige Skeptiker behaupteten, die Colorados warteten auf den späten Nachmittag, um massive Käufe von Stimmen zu tätigen. Andere stimmten zu und fügten hinzu, Nicanor habe mehr als 17 Millionen USD dafür vorgesehen.

Aber die verschiedenen Ergebnisse der Umfragen, die man erhielt, offenbarten mehr und mehr das Gegenteil.

Es war schon 3 Uhr nachmittags, eine Stunde vor dem Ende der Wahlen, und Fernando Lugo führte immer noch. Aber immer noch bestand keine „Erlaubnis“ zu feiern. Wahlbetrug, Korruption und vor allem Willkür aus den letzten 60 Jahren, die viel zu oft zu zerschlagenen Hoffnungen geführt hatte, wog schwer. Noch einmal hätte man so etwas nicht ertragen können.

15.30 Uhr: „Mehr als 60 % geschätzte Wahlbeteiligung,“ hieß es aus den Medien. Unser Kandidat führt immer noch. „Kann „es“ wahr sein?“

16:00 Uhr: Die ersten Wahllokale schließen. Laut den letzten Umfragen gewinnt Fernando Lugo. Die ersten Menschen erscheinen vor dem Hauptquartier mit Fahnen und Parteikennzeichen.

Radio Ñanduti verkündet lapidar, das Ergebnis sei nicht mehr zu abzuwenden.

Aber auch dann herrscht immer noch Skepsis. Nach und nach erscheinen mehr Menschen in den verschiedenen verrauchten Büros. Die Handys fangen an zu läuten. Immer mehr, immer öfter. „Lugo hat gesiegt“, „Lugo hat gesiegt“, geht es von Ohr zu Ohr, leise und vorsichtig, als ob irgendwo ein „Colorado“ lauern würde und das freudige Ergebnis doch noch ändern könnte.

Aber diese sind an diesem Nachmittag schon längst politisch gestorben. Einsam und verlassen, wie der Patriarch aus der Geschichte Marquez.

Der Wandel ist greifbar. Das Wunder ist vollbracht. Man stürmt auf die Staßen, man weint, man schreit, man umarmt sich. Man ist fassungslos.

Die Leiche des Patriarchen aus dem Werk von Marquez wurde erst spät entdeckt. Der Gestank enthüllte die Wahrheit. Die ausnahmsweise auf der Seite des Volkes stand.

Auch in Paraguay enthüllte der Gestank nach Korruption und Vetternwitschaft eine Tasache. Aber nicht unbedingt den Tod eines Patriarchen, sondern die Existenz eines Volkes, das sich endlich geäußert hat.

 
© Aktuelle Rundschau
Die deutschsprachige Zeitung aus Paraguay!
- Alle Rechte vorbehalten 2007 -
ISSN 1028-4672

Telefon: +595-21-660.358 / +595-21-609.729 - Fax: +595-21-613.606

Asunción - Paraguay
Casilla de Correo 3078
eMail: egisa@aktuelle-rundschau.com
eMail: egisa@conexion.com.py