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Vergangenheitsbewältigung nach den Wahlen
Vergeltung oder Vergebung?
29/04/08
Rudolf B. Behrens
Was wird aus dem ehemaligen paraguayischen Präsidenten? Was passiert mit all denen, die die Staatskassen gelehrt haben? Was mit all den Mitläufern, die ein Regierungssystem stillschweigend aufrecht erhalten haben?
Sollten diese vor die Justiz gebracht werden? Oder nur den Anteil zurückgeben, den sie der Bevölkerung aus den Taschen gestohlen haben? Unter Berücksichtigung ihrer Freiheit?
Wie soll man geschichtlich vorgehen? Wird mit einer „Vergebung“ nicht etwa eine Straflosigkeit hinsichtlich ähnlicher Verhaltensweisen in Zukunft gebilligt?
Wenn man die Sache rein juristisch betrachtet, dürften an sich keine Zweifel bestehen. Die Täter müssen für ihr Vergehen die Verantworung übernehmen. Aber kann man unter den gegebenen Voraussetzungen von „einzelnen Personen“ überhaupt reden? Müsste man da nicht alle Beteiligten gleichermaßen verurteilen?
Was passiert, wenn ein Verbrechen von einem großen Teil der Bevölkerung nicht mehr als solches eingeschätzt wird?
Wer muss letztendlich gerichtet werden?
Es ist sehr schwer, einen Standpunkt zu vertreten, der allen genügt und für einen geschichtlichen Nachlass sorgt, der stark genug ist, um einen Präzedenzfall zu schaffen.
Südafrika stand nach dem Sieg von Nelson Mandela Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts vor einem ähnlichem Dilemma. Allerdings war die Tragweite der Vergehen viel schlimmer. Viele Vertreter der bis dahin regierenden Schicht wären massenweise wegen Menschenrechtsverletzungen angeklagt und verurteilt worden, was wiederum wahrscheinlich erhebliche Reaktionen und soziale Unruhen zur Folge gehabt hätte.
Der damalige Nobelpreisträger Desmond Tutu errichtete das „Gericht für Frieden und Versöhnung“. Vor ihm konnten die Täter Straffreiheit erlangen unter der Voraussetzung, dass sie die Wahrheit über all ihre Greueltaten beichteten. Ein Experiment, das nie zuvor in der Geschichte angewandt wurde und bis heute von vielen nicht eindeutig gebilligt wird.
Dennoch hat es einen sozialen Frieden gewährleistet und teilweise zur Versöhnung der Beteiligten geführt.
Wenn man es auf der anderen Seite aus einer allgemeinen, übergreifenden Perspektive betrachtet, sollte man sich nicht davor scheuen, auch die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Personen wie etwa Nicanor Duarte Frutos überhaupt die Möglichkeit gegeben wurde frei zu handeln.
Die ganze Verantwortung einem Menschen, einer Gruppe oder einem System zu überlassen, befreit uns andere ja quasi davon. Damit ist aber der Urheber des Übels noch lange nicht beseitigt.
Einen Straßendieb einzusperren, weil er gestohlen hat, mindert seine Motive (Armut, Misere, Aussichtslosigkeit) noch lange nicht.
Was ist also das Rezept, nach dem man hier handeln muss?
Gemeinsam die Zukunft zu erbauen, und ich wage zu behaupten, auch solchen die Chance zu geben, die Fehler wieder gut zu machen, die sie begangen haben. Vorausgesetzt, die neuen Spielregeln werden auch von ihnen eingehalten.
Unter den jetzigen Umständen wäre es einfach unmöglich, bestimmte Vergehen richten zu wollen, ohne dabei Ungerechtigkeiten zu begehen.
Allerdings könnte dies nicht ohne Opfer durchgeführt werden. Dazu gehört meines Erachtens zum Beispiel, dass die Vertreter der vorigen paraguayischen Regierung nicht mehr an der neuen beteiligt sein dürften. Das Gleiche gilt auch für die in das Parlament und den Senat gewählten Mitglieder.
Es ist nicht zu rechtfertigen, dass jene an der „neuen Geschichte“ Paraguays teilhaben.
Lasst sie in Frieden nach Hause gehen. Ihr Schicksal und ihr Gewissen müssen sie alleine tragen.
Keiner weiß, was aus ihnen noch werden kann. Vielleicht entdecken sie sogar einen Weg zur Besserung. Das würde wahrscheinlich uns allen nutzen.


